Tag 9: Lobuche

25.11.2005 Lobuche

Es waren -2°C in unserem  Zimmer. Draußen sind es wenigstens -10°C, genau wissen wir es allerdings nicht. Ich frage mich eine Weile, ob ich den Aufstieg wagen soll oder nicht. Schließlich entscheide ich mich wegen meiner immer noch vorhandenen Kopfschmerzen nicht zu gehen, was David sehr begrüßt und darauf auch drängt. Für Kai und Britta ist es ebenfalls in Ordnung. Während wir frühstücken, kommt ein englischer Trekker vollkommen erschöpft herein und erzählt uns von seinem Unglück. Er hatte am morgen leichte Kopfschmerzen und ist trotzdem mit der Gruppe losgezogen. Zunächst ging es gut, aber als der erste starke Anstieg kam, wurden seine Kopfschmerzen sehr stark, ihm wurde schwindlig und er kollabierte. Ein Sherpa brachte ihn zurück. So kann es also laufen, wenn man die Situation unterschätzt. Ich bin ziemlich ergriffen von der Geschichte und beschließe auch morgen nicht zu gehen, sollte es mir nicht deutlich besser gehen. Dieses Risiko ist es nicht wert. Als die Sonne auch das Tal erfasst hat, machen wir uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Wir klettern auf den gegenüberliegenden Hügel, der sich als der Rand des mächtigen Khumbu Gletschers herausstellt. Oben angekommen stehen wir auf 5.000m. Ein Küsschen ist fällig. Es ist unglaublich beeindruckend, den riesigen Gletscher zu sehen, der hier aus Eis und viel Geröll besteht. Mächtig und kraftvoll müssen sich diese Massen den breiten Weg geschaffen haben. Die Breite beträgt ca. 70 – 100m. David und Kai klettern mit unserem Guide Dorchy auf einen Felsen, der aus der „Gletscher-Straße“ herausragt. Stolz wie Oskar präsentieren sich alle drei für ein Foto auf „ihrem Gipfel“. Wir vertreiben uns noch eine Weile die Zeit mit Fotos und Gratwanderung. Man kann sogar bis zum alten Base Camp vom Mt. Everest sehen. In angenehmer Entfernung sehen wir eine Pyramide aus Glas und Solarzellen. Es handelt sich um eine italienische Forschungsstation. Wir beschließen dort hin zu laufen und vielleicht einen Cappuccino zu bestellen. Als wir ankommen sind jedoch nur Sherpas da, die das Objekt bewachen. Die Italiener sind bereits abgereist. Eigentlich hatte ich gehofft, dort auf jemanden zu treffen, der sich mit Höhenkrankheit auskennt und mir bei meiner Entscheidungsfindung bzgl. Gipfelsturms behilflich sein könnte. Ich fühle mich nämlich deutlich schlechter als heute morgen. Zum ersten Mal habe ich tagsüber Kopfschmerzen, verspüre ein flaues Gefühl im Magen und laufe nicht immer konzentriert. Sicherlich ist der psychologische Effekt nicht ganz wegzudiskutieren aber ich habe immer mehr das Gefühl, die Symptome einer Höhenkrankheit zu spüren. Ich bin sehr froh, als wir wieder an der Lodge ankommen. Wir setzen uns raus in die Sonne und essen zu Mittag. David und Kai bestellen Maccaroni, erhalten aber eine Suppe. Angeblich sollte es eine Pilzsuppe sein. Jedoch gleichen Aussehen und Geschmack eher einem Klostein. Schon heute Morgen war Davids Pancake nicht wirklich genießbar, so dass er bereits einen persönlichen Affront vermutet. Trotz Sonne ist es ziemlich kühl, so dass David und ich die Gelegenheit nutzen und uns für ein kleines Mittagsschläfchen hinlegen. Die Zeit vergeht schneller als gedacht und als wir im Dunkeln aufwachen, glaube ich mein Kopf wird jeden Moment platzen. So einen starken Druck habe ich bislang noch nicht verspürt und ich habe es langsam Leid. David kümmert sich rührend um mich und besorgt mir viel zu trinken. Meine Tränen kullern wieder einmal und ich will einfach nur heim. Für mich steht fest, dass ich mich endlich wieder normal fühlen möchte und somit ein weiterer Aufstieg für mich nicht in Frage kommt. Ich durfte heute die Faszination des Khumbu erleben. Den Gipfel des Everest habe ich bereits in Tengboche gesehen. Was soll ich mich jetzt noch auf diesem schwarzen „Geröllhügel“ namens Khala Pattar quälen und dabei eventuell meine Gesundheit aufs Spiel setzen? Ich will keine Schmerzen mehr erleiden und sicher nach Hause. David ist bei mir und gemeinsam leeren wir unsere 1-Liter Wasserflasche. Langsam wird es wieder besser. Zum Abendessen gibt es gekochte Kartoffeln und den mitgebrachten Tunfisch. Die englische Gruppe, die heute zum Khala Pattar aufgebrochen war, ist auch da, aber ziemlich geschafft. David sagt mir, dass er auf jeden Fall mit mir runtergehen wird. Mir tut es sehr Leid für ihn, weil ich weiß, dass er den Berg und das Camp, von dem er in schon so vielen Büchern gelesen hatte, sehen wollte. Allerdings freue ich mich riesig, dass er wieder einmal so stark zu mir hält. In der Nacht geht es mir ganz gut und ich bekomme mit, dass diesmal David Probleme hat. Zunächst hat er Kopfschmerzen, die wir mit einer Aspirin bekämpfen. Außerdem ist ihm kalt und ich gebe ihm sein Innenflies für den Schlafsack. Allerdings war das keine so gute Idee, denn nur 1 Stunde später höre ich David verzweifelt mit sich und dem Schlafsack kämpfen. Er hat Platzangst bekommen, weil das Flies so eng ist. Also wieder raus damit. Zunächst war ihm auch die Wolldecke über dem Schlafsack zu schwer, aber ich bestehe darauf, dass sie bleibt, sonst friert er später wieder. Schließlich sind wieder nur -2°C im Zimmer. Die restliche Nacht verläuft ruhig bis um 06:15 Uhr der Wecker klingelt.

 

Nachwort: Bevor die Sonne unterging, ist David auf den Hügel hinter unserer Lodge geklettert. Auf 5.000m wollte er Aufnahmen des Nuptse bei Sonnenuntergang machen. Es sind ihm auch gigantisch schöne Fotos gelungen. Lediglich wurde es mit dem Sonnenuntergang bitterlich kalt. David kam mit fast steifen Fingern wieder rein. Was tut man nicht alles für eine gute Zehntelsekunde.

 

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