Tag 1: Springlands Hotel - Machame Camp

26.08.2003 Springlands Hotel - Machame Camp

um 05:30 Uhr beginnt der Tag. Die letzten Dinge, die über Nacht noch Zeit hatten zu trocknen, müssen in den Rucksack, Wasser für unterwegs pumpen, frühstücken, auschecken und los geht´s. Gegen 07:30 Uhr stehen wir abfahrbereit und voller Erwartungen mit den anderen Kunden vom gestrigen Briefing vor der Tür. Bereits hier kommt der Transfer zu spät, was uns auch den weiteren Tagesablauf verfolgen wird. Gegen 08:00 Uhr fahren wir los in Richtung Moshi City. Hier werden wir den Guides vorgestellt bzw. zugeteilt. Um unseren Bus herum herrscht ein großes Treiben wie auf dem Jahrmarkt. Guides, Porter, Köche und viel Equipment (Zelte, Tische, Stühle, Körbe, etc.) müssen geordnet und verteilt werden. Wir sollen im Bus sitzen bleiben und können das Treiben lediglich beobachten. Felix, ein Tansaianer im fortgeschrittenen Alter, ca. 1.60 m groß mit einer neon-gelben Weste ud Kappe wird uns als unser Guide vorgestellt. Im Bus kommt er auf uns zu und begrüßt uns persönlich. Er erscheint uns ein wenig verwirrt, als er mit einem breiten Grinsen David und mich, aber anstatt wie vorgestellt Mac und Kai, die zwei Mädels aus Berlin in seiner Gruppe begrüßt. Er verschwindet wieder aus dem Bus und wir werden uns erst am Gate wiedersehen. Dorthin setzt sich dann auch unser Bus gegen 08:45 Uhr in Bewegung. Auf der Höhe des Gates ist es sehr fruchtbar und wir fahren durch satte grüne Mais-, Bananen- und Kaffeeplantagen. Am Gate angekommen geht das große Gewusel wieder los. Alle Rucksäcke, die maximal 15 kg wiegen dürfen, werden vom Bus runtergegeben und zu dem Equipment der jeweiligen Seilschaft getragen. Alles scheint vollständig zu sein, nur wir vier stehen mutterseelen allein herum. Von Felix ist weit und breit keine Spur. Wir überbrücken die Zeit des Wartens und gehen den anderen hinterher, uns am Gate registrieren und noch einmal die Örtlichkeiten aufsuchen. Gegen 10:45 Uhr fährt ein Jeep am Gate vor, an dessen Steuer unser Felix mit seiner neon-gelben Weste sitzt. Kurz und bestimmt begrüßt er uns noch einmal und stellt klar, wer nun wirklich zum Team gehört. Felix scheint sein Team voll im Griff zu haben, gibt zackige Anweisungen, was wohin gehört und nicht zu vergessen ist. Mit dem Gefühl, dass alles richtig funktioniert, überlässt er seinem Assistenten die weitere Verantwortung über die Träger und die Utensilien und zieht mit uns los. Lediglich eine Gruppe ist vor uns gstartet. Der Rest steht immer noch am Gate und wartet auf den Start. Hier gibt es sicher noch einiges zu optimieren, um den Beginn der Tour etwas zügiger zu vollziehen und schneller loszuziehen. Aber das ist jetzt egal, es geht endlich los! Die heutige Tour führt uns durch dichten Regenwald. Zu Beginn liegt der Wald tief im Nebel und die Landschaft erscheint uns gespenstisch. Der Regenwald unterscheidet sich sehr vom Mt. Kenya. Hier gibt es viel mehr Farne und Moose an den Bäumen. Allerdings ist es überraschend ruhig und Tiere sind weit und breit nicht zu erspähen. Der Weg wird zunehmend schmaler und Meter für Meter sumpfiger. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als von einem Stein oder liegendem Stamm zum nächsten zu hüpfen, um nicht zu versinken oder Kilos an Schlamm an den Schuhen mit uns weiter den Berg hoch zu schleppen. Dadurch strengt der Weg ganz schön an und wir sind froh über eine gemütliche Lunch-Pause. Felix ist jetzt auch wieder bei uns. Kurz nach dem Start entschloss er sich, seine Kleidung zu wechseln, forderte uns aber auf, langsam weiter zu gehen. Er würde uns schon bald wieder einholen, waren seine Worte. Allerdings dauerte es doch eine sehr lange Weile, bis er wieder zu uns stieß und wir befürchteten schon, dass er aufgrund seines Höchstalters für Tansanianer vielleicht genau während unserer Tour überraschend mit gesundheitlichen Problemen zu tun hatte. Alle uns überholenden Gruppen fragten wir nach Felix und alle meinten, er sei auf dem Weg. Entwarnung also. Und so war es auch. Plötzlich tauchte diese neon-gelbe Jacke auf dem unscheinbar kleinen schwarzen Männerkörper wieder auf und setzte sich zielstrebig auch gleich wieder an unsere Spitze. Immer wieder ziehen andere Gruppen und ihre Träger an uns vorbei. Felix dagegen ist ein konsequenter Verfechter der "pole, pole"-Technik. Das ist uns allerdings nur recht, schließlich möchten wir ja alle gerne den Gipfel gesund erreichen. Zunehmend wird der Waldboden trockener und der Baumbestand lichter und niedriger. Wir steigen stetig bergan, ohne eine Streckenführung vor unserem geistigen Auge ausmachen zu können. Nur die kurzen aber wunderschönen Ausblicke durch das Gehölz auf den Kilimandscharo zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, auch wenn er noch weit und mühsam erscheint. An einer recht steilen, durch enge Serpentinen und Wurzeln geprägten schmalen Bergpassage erhasche ich einen Blick nach hinten, um zu sehen, ob denn noch jemand hinter uns ist. Genauso schnell ist mein Blick auch wieder nach vorne gerichtet und die Gesichtszüge im Schockzustand. Ich traue meinen Augen nicht und meine zu träumen. Was sich da gerade hinter uns abspielt, versuche ich meinen drei yellow-red trecking shoes vor mir zu übermitteln, merke aber, dass ich sogar nur Wortbrocken herausbekomme. Noch gestern abend beim Briefing, beim Essen und heute morgen haben wir gewitzelt, dass plötzlich H. & L. hinter einer Ecke mit dieser bestimmten Nahkampf-Bergwanderer-Miene auftauchen, um sich zur gleichen Zeit wie wir dem harrrten Ziel zu stellen. Jetzt waren sie genau 10 Höhenmeter hinter uns, wie aus dem Nichts aufgetaucht, nur 1 Stunde vor dem ersten Etappenziel und eigentlich aus unseren Köpfen verdrängt. Murphys law schlägt wieder erbarmungslos zu. Zu allem Unmut würden sie uns mit ihrem rasanten Tempo sicherlich in wenigen Minuten überholen. Was für eine Erniedrigung. Wo kamen sie denn her, schließlich waren sie beim Start am Camp doch nirgendwo zu sehen? Wie ein Schatten verfolgen wir uns in diesem Urlaub gegenseitig, obwohl wir doch eigentlich entsprechend ihrem Wunsch getrennte Wege gehen sollten. Augen zu und durch heißt es jetzt und alsbald blühen die Fantasien der Jungs bereits, wie man diese Begegnung am besten phonetisch untermalen könnte.
Aber dazu kommt es nicht mehr, denn nach 6 Stunden gelangen wir aus der Regenwald-/Baumzone in die Strauchzone und stehen auch schon kurz danach an der "Rezeption" unseres ersten Camps , dem Machame Camp. Eine runde Holzhütte mit grünem Wellblechdach ist mit dem Rezeptionsschild geschmückt und weißt die Wanderer daraufhin, mal wieder den Reisepass zu zücken und sich im Buch zu registrieren. Wir können unsere Passnummer schon auswendig, so oft wie wir uns in den letzten Tagen bereits ausweisen mussten. Ein Tageszielfoto mit Felix muss sein und dann zeigt er uns, wo unsere Träger bereits unser Lager aufgebaut haben. In zwei kleinen grünen Zelten sind wir untergebracht, hinzu kommt ein größeres, graues Zelt, das uns zunächst als Essenszelt und später den Trägern als Schlafstätte dient, sowie ein Kochzelt und zwei weitere Schlafzelte für den Guide und die Porter. Kaum haben wir unsere Tagesrucksäcke abgelegt, wird uns auch schon eine Schüssel mit klarem Wasser zum Waschen gereicht. Sich wirklich reinigen stellt sich aber bereits jetzt als unmöglich heraus, da wir es mit einem sehr feinen, braunen Sandboden zu tun haben, der sich wie ein Film über alles lägt und förmlich reinfrisst. Ein Auftreten auf dem Boden erzeugt eine feine Staubwolke und vorbei ist die ganze Mühe. David hat uns dass dann auch gleich in Perfektion vorgeführt und sich mit seiner frisch gewaschenen Trekkinghose rücklings über einen Stein stolpernd in den Sand gesetzt. Lecker!
Im Zelt haben uns die Träger zu unserer Begeisterung sogar dünne Schaumstoffmatten, die mit Karobettbezügen überzogen sind, bereitgestellt, so dass wir fast fürstlich schlafen werden und unsere Thermarest-Isomatten vor den scharfen Steinen schützen können. Die Rucksäcke verstaut, die Schlafsäcke für die Nacht vorbereitet und die warmen Fleecejacken rausgeholt, bestaunen wir als nächstes unser Umfeld. Es ist erstaunlich viel los und alle Gruppen, die während des ganzen Tages an uns vorbeigezogen sind, haben wie wir, ihr Quartier hier eingerichtet. Das haben wir uns eigentlich nicht so vorgestellt, schließlich hieß es doch immer, die Machame Route sei noch sehr wenig begangen, abseits von den großen Touristenströmen. Wahrscheinlich ist es verglichen mit den Massen auf der Marangu Route auch so und man kann es eben nur nicht mit dem Bergfrieden in den Alpen vergleichen. Auf der anderen Seite hat es so auch ein wenig den abenteuerlichen Charakter einer richtigen Expedition, bei der sich ebenfalls mehrere individuelle Expeditionsteams nach den Tagesmärschen in Lagern treffen. Sehen wir es einfach so. Wir werden gerufen und ins Essenzelt gebeten. Dort erwartet uns ein gemütlicher Anblick. Um einen kleinen, mit einem blauen Tischtuch gedeckten Campingtisch stehen vier Hocker. Auf dem Tisch steht eine große Schale mit Pop-Corn und Keksen. Dazu gibt es Tee. Wir setzen uns und genießen den Service, der uns positiv überrascht. Fast feudal kommen wir uns vor, so herrschaftlich in dem Zelt zu sitzen und kurz darauf von einem Porter, der auch in den kommenden Tagen zusätzlich als "Kellner" fungieren würde, bedient zu werden. Das Prozedere ist so: wir sitzen in dem Zelt, dann kommt der Kellner vorsichtig ans Zelt (wenn es eine Holtür gäbe, würde man auch das Anklopfen hören), öffnet den halb geschlossenen Reißverschluss und reicht zunächst den Suppentopf und das Brot hinein, tritt wieder heraus und schließt die Verschluss. Wenig später kehrt er wieder zurück und räumt den ersten Gang ab. Dann kommt er mit dem zweiten Gang genauso vorsichtig wieder ins Zelt und serviert uns Nudeln, Gemüse und Fleischsoße. Das geht so weiter bis zum Dessert. Ja, tatsächlich - es ist auch noch für Dessert gesorgt. Das können mal Früchte, mal pancakes sein. Nach unserem eher tristen Essen am Mt. Kenya kommen wir uns jetzt vor wie einem First-Class-Restaurant. Es schmeckt fantastisch und wir sind alle proppe satt. Zum Tee danach kommt Felix zu uns ins Zelt und wir besprechen den kommenden Tag und die nächste Route. Er erklärt uns genau, was er vor hat, welche Höhepunkte uns erwarten und ob wir damit einverstanden sind. Er erkundigt sich auch nach unserer Verfassung, um sicher zu gehen, dass wir alle fit für den nächsten Tag sind. Im Anschluss spielen wir noch eine Runde Doppelkopf, laufen noch einmal mit der Stirnlampe am Kopf über den Zeltplatz und verschwinden in unseren Zelten. Das ist nun unsere erste Zeltnacht auf 3.100 m. Gute Nacht!

 

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