Tag 2: Machame Camp - Shira Camp

27.08.2003 Machame Camp - Shira Camp

Heute starten wir nach einem vorzüglichen Frühstück um 08:30 Uhr. Sofort geht es steil durch die immer flacher werdende Strauchzone bergauf. Es dauert nicht sehr lange und H. und L. hängen uns schon wieder an den Fersen. An einer kleinen Ausbuchtung lassen wir sie rasch vorbei und genießen den weiteren Weg. Die heutige Strecke zum Shira Camp soll sehr ruhig sein und die 800 Höhenmeter in fünf Stunden bewältigt werden. Entlang des schmalen, steinigen Weges herrscht ein reges Treiben. Alle Porter, Guides mit ihren Gruppen nehmen exakt den gleichen Weg und zwar dicht aneinander gereiht. Wie Perlen an einer Perlenkette schlängeln sich alle hinauf. Von der Idylle am Mt. Kenya, wo wir während einer Tagestour vielleicht mal auf eine Gruppe oder vereinzelte Träger stießen, ist hier nichts zu spüren. Stattdessen bewundern wir hier eher die vielen Träger, die uns mit ihrer schweren Ladung im Genick oder auf dem Kopf wie Bergziegen an den unmöglichsten Stellen mit einer Leichtigkeit und fast tänzelnden Schritten überholen. Wenn man sich auch überlegt, dass wir vier Bergverrückten für unsere Tour bereits ein Trupp von 15 Personen vereinen müssen, ist es auch kein Wunder, dass so viele Menschen hier hoch müssen. Schließlich ist es anders als am Mt. Kenya in Tansania vorgeschrieben, das pro Teilnehmer bereits zwei Träger zu nehmen sind, ob man sie benötigt oder nicht. Hinzu kommen Koch, Bergführer und Assistent und ab einer Gruppengröße von 6 Personen müssen es sogar zwei Bergführer sein. Botanisch gesehen erwarten uns am Kilimandscharo wieder unsere beliebten Lupidien und wunderschöne, rote Gladiolen. Allerdings lange nicht in der Vielzahl wie am Mt. Kenya. Ich habe den Eindruck, als ob sich der feine, braune Sand auch um die schönen roten Blüten gelegt hat und die sonst so kräftige Farbe trübt. Dieser Sand ist eben unser ständiger Begleiter und rückt uns im wahrsten Sinne des Wortes "nicht vom Leibe". Mittags nehmen wir unser vielfältig gepacktes Lunch-Paket zur Hand (diesmal gibt es einen Muffin, ein Milchbrötchen, ein Ei, eine Möhre und den "köstlichen, quietsch-süßen, gelben Passion-Fruit Saft" Iceberg) und rasten in luftiger Höhe, umringt von schwarzen Krähen und den anderen Trupps auf einem Felsplateau. Da ist natürlich auch wieder H., der uns seinen weißen Adonis-Körper entgegenstreckt, bevor sie den Weg vor allen anderen wieder aufnehmen. Die Krähen, mit ihren gewaltigen Schnäbeln, sind anscheinend sehr scharf auf unser Lunch-Paket und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie etwas erfolgreich stiebitzt haben werden. Noch ein kurzer Freiluft-Toilettengang und weiter geht es.
Es folgen ein paar kurze, leichte Kletterpartien, lange schmale Wege entlang an felsigen Hängen bis unser 15 Mann starke Tribe nach 4:50h das Camp auf 3900m erreicht. Am Eingang empfängt uns das Zelt von H.&L.. Unsere Zelte haben die Porter etwas weiter hinten aufgebaut, mit den Rucksäcken bestückt und warmes Wasser zum Frisch machen in Schüsseln vor die Zelte gestellt. Es ist noch sehr früh am Nachmittag (14:00 Uhr), so dass wir nach einem vorbereiteten Snack genügend Zeit zum Ausruhen und die Gegend erkunden haben. Mac legt sich eine Runde aufs Ohr, während wir anderen uns ein wenig umschauen, wo wir denn hier sind. Das Camp liegt auf einem weiten Plateau mit herrlichem Blick in die Ferne. Der Mount Meru mit seinem schönen kegelförmigen Gipfel und auch das Shira Massiv sind schön anzusehen. Die Plumpsklos sind hier eingebettet in eine fantastische Landschaft - da macht es richtig Spaß, den Weg dorthin anzutreten. Apropos, auch ist es wesentlich angenehmer als das des vorherigen Camps. Eines fehlt in dieser Idylle jedoch, der Blick auf den Kibo - unserem schneebedeckten Ziel - der sich laut Erzählungen hier einem zum ersten Mal offenbaren soll. Umhangen von Wolken tut er das aber nicht. Oder doch? Leuchtet da etwa was weißes durch? Richtig, sehr langsam aber immer deutlicher schieben sich die Wolken davon und geben den Riesen abschnittsweise frei. Das ganze Ausmaß können wir erahnen und sind überwältigt. Ist es das? Ist das das Glücksgefühl von dem alle sprechen oder ist es nur ein Vorbote von dem, was wir noch fühlen werden, sobald wir auf dem Gipfel stehen? Alles Spekulation aber für den Moment sind wir sprachlos, respektvoll und in freudiger Erwartung zu gleich. Endlich kann man das Ziel besser ins Visier nehmen. Vorerst ziehen wir aber die gemütliche Variante vor und legen uns auch ins Zelt, Kopf zum Ausgang, so dass uns die Sonne wärmend ins Gesicht strahlt. Schon bald schläft David ein und ich entschließe mich zu einer Stippvisite zu den zwei Berliner Mädels. Aufgrund ihrer kräftigen Oberarme und dem starken Willen, ihre Rucksäcke alleine den Kili hinaufzutragen, nennt Mac die zwei im Spaß die "Hammerwerferinnen". Überhaupt haben wir einige Leidensgenossen mit berühmten Hintergrund in dem Camp gefunden. Da ist "der Dude", "Ramses III.", "der GI und seine Ms. Piggy" und natürlich "H.&L.". Der Koch holt mich bei den Mädels mit der Nachricht ab, dass das "Dinner ready" ist. Mac+David strolchen noch in der Gegend umher sind aber schon auf dem Rückmarsch zum Essenszelt. Dort ist auch schon wieder reichlich Essen aufgetischt - Suppe, Safranreis, paniertes Hühnchen, Möhren und Gemüsesoße. Weil wir wahrscheinlich so verhungert aussehen müssen, ist damit auch noch nicht Schluß, sondern es gibt auch noch köstliche Crepes zum Nachtisch. Wuw, ich fühle mich ganz schön vollgestopft. Mac verabschiedet sich auch alsbald mit einem dringenden Bedürfnis in die Dämmerung. Nach dem kurzen Briefing von Felix zum nächsten Tag und einem letzten Besuch von Christina und Ute in unserem Zelt wird es auch schon bitter kalt und wir beschließen, uns besser in die Schlafsäcke zu kuscheln. David und ich joggen noch drei Runden um das Zelt (wie im Outdoorbüchlein gegen Kälte vor dem Schlafen empfohlen wird) und kriechen dann flink in die Schlafsäcke. Merkwürdigerweise habe ich immer noch so ein Völlegefühl, dass sich in Überkeit zu wandeln scheint. Als David kurz vor Mitternacht noch einmal raus auf die Toilette will entschließe ich mich sofort mitzugehen, in der Hoffnung, dass mir die Bewegung gut tut und ein Toilettengang auch. Daraus wird aber leider ein unangenehmes Unterfangen, dass mich körperlich oben und unten in Anspruch nimmt, ohne aber eine Erleichterung herbeizuführen. Statt dessen wird es nicht das letzte Mal in dieser Nacht gewesen sein, dass ich fluchtartig das Zelt verlassen muss. Schöne Bescheerung! Wie ich am nächsten Morgen erfahren werde, ging es nicht nur mir so. Mac wiederfährt das gleiche Schicksal in der Nacht - getroffen haben wir uns aber nie. Mehrmals sind wir beide in die Nacht, von Durchfall und Übelkeit gequält. Kein Auge habe ich zugemacht und ständig im Zelt nach Wasser gesucht, um den starken Durst zu löschen. Als ich alle meine Trinkreste aufgebraucht habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als zum Zelt von Mac und Kai zu gehen und sie nach etwas zu Trinken zu bitten. Hier erfahre ich, dass es auch Mac sehr schlecht geht und die gleichen Symptome aufzeigt. Er hat auch dazu diese Rücken- und Gliederschmerzen wie ich. Es ist bereits 5:15 Uhr und ich habe immer noch kein Auge in dieser Nacht zugetan. David gibt mir seine Matratze, in der Hoffnung, dass ich dann bequemer und mit weniger Schmerzen liege. Gott sei Dank schlafe ich endlich ein - eine Stunde habe ich noch bis zum Wecken.

 

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