Tag 4: Barrancu Camp - Barrafu Camp

29.08.2003 Barrancu Camp - Barrafu Camp (4.700m)

Gegen 06:15 Uhr klingelt Davids Wecker. Ich habe fantastisch ganze 11 Stunden durchgeschlafen und fühle mich wesentlich fitter und wieder bei Kräften. Während der Nacht hat sich David noch dreimal nach meinem Befinden erkundigt, wonach ich sofort immer wieder eingeschlafen bin. Im Zelt haben wir -1 C°. In unseren Schlafsäcken ist es aber mollig warm. Mac singt sich bereits ein Liedchen vor dem Zelt. Es geht ihm anscheinend auch wieder besser. Draußen ist es bitter kalt. Die Sonne steht noch zu tief, um das Plateau anzustrahlen und zu wärmen. Wir entschließen uns, noch ein Weilchen im warmen Zelt zu bleiben und unsere Rucksäcke zu packen. Das warme Waschwasser in der blauen Schüssel vor unserem Zelt ist im Nu abgekühlt. Die Morgenwäsche fällt dementsprechend flott aus. Den morgendlichen Toilettengang verbinden David und ich mit einem kurzen Besuch bei Christina und Ute. Beiden geht es heute nicht sonderlich gut und sie sind aus Enttäuschung den Tränen nahe. Sie erzählen uns von ihrem Versuch, einen extra Tag vor dem geplanten morgigen Gipfelsturm einzulegen und somit Zeit zur Genesung zu gewinnen. Diese Idee nehmen wir als Anregung mit in unser Frühstückszelt. Die zwei Jungs fühlen sich so gut, dass sie keinen zusätzlichen Tag für notwendig halten. Ich hingegen bin noch skeptisch, wie ich mich am Ende des Tages, was gleich auch der Beginn des Gipfelsturmes sein wird, fühlen werde. Die Idee eines extra Tages erscheint mir charmant, da ich so auch eine realistische Chance zur Gipfelerreichung hätte. David würde sich anschließen, auch wenn er sich ebenfalls fit fühlt. Nach dem Frühstück erfahren wir allerdings von Felix, dass ein extra Tag im Karanga Camp, welches zwischen dem Barrancu Camp und dem Barrafu Camp liegt, nicht optimal wäre, da es auf etwa der gleichen Höhe liegt, nämlich 3.900 m. Somit nehmen wir um 08:30 Uhr unsere geplanten Route zum Barrafu Camp auf. Dieses Camp liegt auf 4.700m und ist der Ausgangspunkt zum Gipfel. Felix wählt einen sehr schönen Weg, den so genannten "upper circle". Dieser führt uns abseits von den restlichen Gruppen stetig ansteigend oberhalb des normalen Weges unterhalb des Gletscherfelsens entlang. Am Anfang und immer wieder mal zwischendurch gilt es ein paar Kletterpassagen zu bewältigen. Nach Wenzel's Skala, ein Freund von Davids Familie und guter Berggeselle, haben wir es hier mit Grad 4 zu tun, d.h. beide Hände kommen schon zum Einsatz :-) (nach DAV Richtlinien vielleicht Grad 2). Wir fühlen uns alle sehr gut und so langsam wird es auch wärmer. Immer wieder machen wir halt und genießen die fantastische Aussicht. Da ragt der Mt. Meru durch die Wolken wie eine Pfeilspitze empor oder das dichte Wolkenband gen Süden gleicht einem gefüllten Schaumbad. Wir sind über den Wolken und zum ersten Mal am Kili wird es uns richtig bewusst. Wenn man manche Wege in der Steinwüste hier oben auf Ihrem Weg nach unten verfolgt, scheinen sie ins Nichts zu führen. Die Träger nehmen entgegen unserer Route den Weg zum Karanga Camp auf, um dort die letzte Wasserquelle anzusteuern und uns im Barrafu Camp mit dem notwendigen Bedarf zu versorgen. Wir hingegen laufen einen langen schmalen Pfad entlang, der parallel zum Berghang führt und uns weiter nach oben bringt. Auf einem der kreuzenden Lavaausläufer, die wir überqueren müssen suchen wir uns ein windstilles Plätzchen und machen Mittagspause. Nochmal diskutieren wir das weitere Vorgehen hinsichtlich des Gipfelsturms. Da ein extra Tag laut Felix für jeden von uns US$ 130,- kosten würde und auch nicht genügend Vorräte mitgenommen wurden, scheidet diese Variante schnell aus. Weil ich für mich als größtes Hinderniss für einen erfolgreichen Gipfeltag die Kälte in der Nacht sehe (meine Erfahrungen am Mt. Kenya nicht zu vergessen), schlagen David und Felix als Kompromiss vor, anstatt um 24:00 Uhr erst um 04:30 Uhr den Aufstieg zu beginnen. So würden wir eben den Sonnenaufgang nicht am Stella Point des Kilimandscharo erleben sondern unterwegs, was aber für jeden von uns in Ordnung ist. Schließlich ist das Erreichen des Gipfels zu viert das Ziel und nicht der Sonnenaufgang am Stella Point. Der Vorteil ist in diesem Fall, dass wir weniger Zeit im Dunkeln, also in der kalten Zeit verbringen und auch bei der kältesten Zeit, nämlich kurz vor Sonnenaufgang, noch nicht so hoch sind. Dafür wird es allerdings psychisch ein hartes Brot werden, den Gipfel bei dem langen und mühsamen Weg ständig vor Augen zu haben und nur sehr langsam näher zu kommen. Wir würden ca. um 10:00 Uhr den Gipfel erreichen und im Anschluss ins Barrafu Camp absteigen, packen und weiter zum Millenium Camp ziehen. Nach der eigentlichen Routenplanung würde man sogar noch weiter, nämlich bis zum Mweka Camp absteigen und dort die letzte Nacht verbringen. Der Vorschlag erscheint uns allen aus vielerlei Hinsicht optimal: zum einen profitieren wir von der wärmenden Sonne, haben einen weniger langen anschließenden Tagesmarsch ins Tal vor uns (nicht wie am Mt. Kenya!), umgehen den Massenansturm am Gipfel und auch im dem Gedränge im Camp ohne einen extra Tag zu benötigen. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich habe den Gipfel wieder realistisch vor meinen Augen und die Beruhigung, nicht mit angefrorenen Zehen wieder runterzukommen. Der Weg von unserem Mittagrastplatz bis hin zum Camp ist sehr schön. Durch die karge Steinwüste, die wie eine große Skipiste abfällt, schreiten wir voran, immer den weiß strahlenden Gipfel zu unserer Linken. Die Sonne brennt hier oben bereits so stark, dass wir uns ausreichend schützen müssen - Hut, Gletscherbrille, Sonnenblocker. Dann plötzlich treffen wir wieder auf den gemeinsamen Weg aller Tribes zum Camp und damit auch auf unsere Porter. Nach 6 1/2 Stunden Fußmarsch kommen wir gegen 15:30 UHr im Camp an. Das ist atemberaubend hier! Zwischen großen Lava-Felsbrocken, die bei der damaligen Eruption hier hergeschleudert worden sein müssen, rechts und links vom Grat, der zum Gipfel führt, sind die bunten Zelte aufgstellt. Von unserem Zelt aus hat mam einen fantastischen Blick auf den Mawenzi, dem dritten Krater des Kilimandscharo Massivs neben Shira und dem Kibo, auf den wir wollen. Unterhalb von uns, zwischen uns und dem Mawenzi liegt ein breites, rotes Hochplateau, einige hundert Meter tiefer, welches die Gruppen durchschreiten, die die Marangu-Route, auch Coca Cola Route genannt, nehmen. Der Mawenzi strahlt wunderschön mit seinem roten Gestein in der Nachmittagsonne. Wir richten unser Lager ein. Ich lege mich mit diesem Tagebüchlein in die Sonne, die Jungs erkunden das Camp und die etwas waghalsiger aufgestellten Toiletten und kurz nach dem Abendessen und dem Briefing mit Felix geht es auch schon ab in die Falle (20:00 Uhr). Eine ordentliche Mütze voll Schlaf wird uns gut tun für unser großes Vorhaben. Ich bin der Überzeugung, dass wir das schaffen und zwar samt dem Apfelwein vom Stier, den wir als erste Kilimandscharo Besteiger dort hochbringen werden.
Gute Nacht!
P.S. David konnte sich einen nächtlichen Toilettengang nicht verkneifen und hat förmlich Eiswürfel gelassen.

 

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