Tag 5: Gipfelsturm 5.895m

30.08.2003 Gipfelsturm 5.895m - "Vollkommene Erschöpfung im Triumpfgang!"

Es ist 03:45 Uhr als der Wecker klingelt. Ich habe fantastisch geschlafen. David liegt bereits seit 02:00 Uhr wach, fühlt sich aber wie auch die zwei anderen Jungs gut. Im Zelt sind es -5°C. Daher heißt es schnell anziehen und zwar alles was wir haben. Im Gemeinschaftszelt warten Tee und Kekse auf uns. Ruhig und gespannt auf das, was nun auf uns zukommt, knabbern wir an dem kleinen Frühstück und füllen die Termoskannen mit heißem Wasser, das uns der Kellner bringt. Um 04:30 Uhr sollte es laut Plan losgehen, aber es wird etwas später und wir starten um 04:50 in die dunkle Nacht mit einem faszinierenden und unendlichen Sternenhimmel. Noch nie waren wir auf unseren Füßen stehend so dicht an den Sternen wie in diesem Moment und noch nie erschienen sie mir so nah, klar und vielzählig wie jetzt. Atemberaubend, dass man das drumherum fast vergisst. Unsere Stirnlampen aber weisen uns den rechten Weg, den wir zu unserem großen Ziel zu gehen haben. Im Entenmarsch folgt einer des anderen Fußstapfen, allen voran Felix. Sein Assistent schließt die Kette und sorgt etwa als Lumpensammler dafür, dass keiner in der schwarzen Nacht zurück bleibt. Mehr vom Weg als der Ausschnitt im Lichtkegel unserer Lampen können wir nicht sehen, aber wir spüren, das es hoch und auch wieder runter geht, durch felsigen Schutt und feinkörnigen Kiesel. Als die Sonne um 06:30 Uhr aufgeht, befinden wir uns bereits auf 5.000m. Der Anblick, der sich uns darbietet, ist wundervoll. Der Himmel hat sich hinter dem Mawenzi rot gefärbt und hebt seine spitzförmige Gestalt klar heraus. Meine Füße sind kalt aber mit der steigenden Sonne werden sie sicher schnell warm werden. Überhaupt war es eine prima Entscheidung, später zu gehen, denn in den kommenden Stunden werden wir noch etliche Pausen machen, um uns zu erholen, zu trinken und den ein oder anderen Power-Riegel zu essen. Bei klirrender Kälte in der Dunkelheit hätte ich das mit meinen empfindlichen Zehen sicher nicht gepackt. Am besten hilft aber Bewegung und so brechen wir immer schnell wieder auf. Außer einmal, als Mac von seinem Sprung hinter den Felsen garnicht wieder zu kommen scheint. Minuten erscheinen einem hier ewig lang und wenn die Kälte in einem hochsteigt, entwickelt sich schnell Ungeduld und Unmut. Wieder bei uns, erklärte er uns aber leicht verständlich, welche Mühe ihn so lange gequält hat. Auf dieser Höhe ist es nämlich gar nicht so einfach, sein Geschäft zu erledigen, ohne das einem die Luft dabei im entscheidenden Moment ausgeht. Wo uns dahingegen nie die "Luft" ausgeht, ist beim Kohlendioxidausstoß. Ganz im Gegenteil, dieser ständige Dampf auf dem Kessel, der entweichen muss, verfolgt uns die ganzen Wochen in der Höhe. Ob nun die Power-Riegel oder der Druckunterschied oder die Mischung aus beidem der Grund dafür sind, wir wissen es nicht. Unverkennbar ist allerdings, dass es Kai immer unangenehm ist und er entgegen seiner sonstigen Laufposition am Kopf der Seilschaft immer kurz nach hinten verschwindet. Ganz hinten geht allerdings nicht beim Gipfelsturm, da läuft ja der Assistent, über den Kai sich wundert, dass er noch steht bei seinen Abgasen.
Die nun gewonnene Helligkeit eröffnet uns erstmalig auch den Blick nach oben. Herausragend aus dem Rot und Braun des felsigen Gipfels erstrahlt das Weiß des mächtigen Held-Gletschers weit über uns. Wir steigen kontinuierlich weiter, unseren neuen Fixpunkt, den Gletscher, immer im Visier, um unseren Fortschritt zu messen. Jeder für sich. Doch es scheint, als nähern wir uns ihm nicht. Ebenso verhält es sich mit dem Kraterrand, unserem Zwischenziel, den jeder insgeheim bereits erspäht zu haben meint. Dem ist nicht so. Irgendwie ändert sich die Perspektive bei jeder Wendung von Neuem und mit ihr auch das anvisierte Ziel. Doch dann macht Felix plötzlich halt und zeigt nach oben. Soll es dort oben wirklich sein? Sollen diese kleinen dunklen Punkte andere Bergwanderer sein, die ihrem Ziel schon weitaus näher sind als wir? "Look - Stella Point" - sagt Felix und in uns steigt neue Kraft auf. Weiter also, Schritt für Schritt. Noch während der Dunkelheit kamen uns drei Männer entgegen, die anscheinend umdrehen mussten. Vielleicht gehörten sie ja zu den anderen Figuren dort oben am Stella Point? Laut David sahen die drei Männer nicht sehr gut aus. Apathisch vielleicht. Bei jedem uns entgegenkommenden Wanderer rechnen wir unsere statistische Chance einer erfolgreichen Gipfelbesteigung aus. Auf der Machame Route beispielsweise liegt die durchschnittliche Besteigungsquote bei 70%. Auf der Marangu Route hingegen nur bei 40%. Bisher sind uns nur diese drei Männer entgegen gekommen. Sollte es ein neuer Rekord werden, wenn wir alle vier nach oben wollen? Das heißt aber auch, dass die Abstiegsroute eine andere sein muss. Schließlich müssten die anderen aus dem Camp schon längst den Abstieg begonnen haben, wenn sie um Mitternacht los gegangen sind. Das Gute daran ist, ein Treffen mit H. & L. bleibt uns wohl erspart.
Es ist jetzt 08:00 Uhr. Das langsame und manchmal unregelmäßige Schritttempo von Felix nervt David. Er setzt sich an die Spitze und läuft sein eigenes Tempo. Jeder Blick wieder nach oben gerichtet, hin zum Stelle Point. Der verdammte Rand ist immer noch so weit entfernt und das tiefe Atmen wird auch immer anstrengender. So langsam schleicht sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Aktion in meinen Kopf. Meine Atmung ist flach, mein Kopf ist leer und der Rücken tut mir leicht weh. Ich weiß nicht, ob es mein Lungenflügel ist oder mein Rücken. Es macht aber auch keinen Sinn, darüber weiter nachzudenken. Ändern kann ich es eh nicht und wir sind ja hoffentlich bald da. Auf jedem Fall bin ich froh, dass es anscheinend keinem von uns schlecht geht oder er in Gefahr ist. Nach der umfangreichen Literatur im Vorfeld haben wir ja mit allem gerechnet.
Der Weg wird zunehmend steiler und es gilt bald, die letzten 300m zum Stella Point zu erklimmen. Wir sind so hoch wie noch nie! Die Jungs sind bereits über die Kante geklommen, als ich den Stella Point erreiche. Ich möchte vor Erleichterung schreien. Es ist fantastisch hier oben. Wir befinden uns am Rande des Kraters, etwa in der Mitte zwischen dem Gillman Point (Kraterziel der Marangu Route) und dem offiziellen Gipfel, dem Uhuru Peak, auf 5.690 m. Das Wetter ist ein Traum und die Sicht umwerfend. Erst langsam erfasst man sein Umfeld. Die riesigen Gletscherfelsen, die am Rande des Kraters empor ragen. Der immense, karge Krater mit vereinzelten Schneefeldern. Die Wolken weit unter einem, die sich sanft aber dicht um das Kilimandscharo-Massiv legen. Und dann der schmale, sich am Kraterrand entlang schlängelnde Weg hin zum noch versteckten Gipfel. Es weht ein raues Lüftchen, so dass ich meine Sturmhaube wieder über das Gesicht ziehe. Felix will uns gar nicht viel Zeit am Stella Point geben, da sonst evtl. die Gefahr besteht, dass wir nicht weiter gehen wollen. Denn bereits am Stella Point gilt der Kilimandscharo als bestiegen. Man erhält dafür die "grüne" Urkunde.
Weit und breit sehen wir keine Menschenseele. Es ist 09:45 Uhr. Wie voll muss dieser Weg
noch vor wenigen Stunden gewesen sein? Zum Sonnenaufgang tummeln sich die meisten Gipfelaspiranten mit eingefrorenen Getränken, Fotokameras und Körperteilen hier oben. Es sind nun noch 200 Höhenmeter zur Spitze. Felix sagt, dass wir weitere 45 Minuten dafür benötigen. Das dürfte doch jetzt kein Problem mehr sein? Aber es stellt sich als gar nicht so einfach dar. Ich fühle mich furchtbar erschöpft und würde mich am liebsten überall hinsetzen. Gott sei dank, ist David auch etwas müde und nimmt mit mir die ein oder andere Pause wahr. So bleibe ich nicht so weit zurück. Wir gehen gemeinsam sehr langsam und halten ab und zu an, um tief Luft zu holen. Allerdings ist das nicht so leicht. Zum ersten Mal kann ich die Passagen in den Büchern über extremes Höhenbergsteigen besser nachvollziehen. Wir motivieren uns gegenseitig, die letzten Meter hinter uns zu bringen. Hand in Hand schreiten wir dem Ziel der monatelangen Vorbereitung entgegen. Um 10:45 Uhr stehen wir dann edlich an der so genannten "Kaiser-Wilhelm-Spitze" des Kibos, dem Uhuru Peak auf 5985 m. Der höchste Berg Afrikas und dem höchsten freistehenden Berg der Welt. Vor Freude fallen David und ich uns in die Arme und keiner kann die Freudentränen mehr verbergen. Rotz und Wasser muss ich weinen und David ganz fest halten. Kai und Mac stehen vollkommen glücklich neben uns, jede Erschöpfung ist verflogen. Wir haben es geschafft, alle vier! Glückwünsche werden rege ausgetauscht und sogleich beginnt die Fotosession am Gipfelkreuz. Jeder möchte diesen besonderen Moment für sich festhalten. Alleine, zu zweit, zu dritt, zu viert und natürlich mit unseren Bergführern. Und noch ein ganz wichtiges Utensil muss auf das Foto - der original Apfelwein der hessischen Kelterei Stier! Schließlich sind wir die ersten Kilimandscharo-Besteiger, die eine Flasche Apfelwein mit auf den Gipfel bringen. Irgendeine Neuerung muss unsere Besteigung ja mit sich bringen, bei dem was es vor uns schon alles gab. Ein kleiner Schluck aus der extra von Herrn Stier eingeschweißten Plastikflasche darf auch sein. Aber Vorsicht - die Wirkung entfallte sich hier oben rasant. Die Jungs sind schnell wieder bei vollem Elan und halten für unseren speziellen Freund H. einen ganz besonderen Moment fotografisch fest. Während wir posieren, nutzt Felix die Zeit, das Gipfelkreuz von Gebetstüchern, Bändern und anderen internationalen Mitbringseln zu säubern. Es herrscht eine faszinierende Stille und das Wetter könnte nicht optimaler sein. Es ist zwar kalt, aber nicht so sehr, wie es wohl bei Sonnenaufgang hier war. Ganz zu schweigen von den vielen Leuten, die sich bestimmt auf diesem engen Fleckchen um das Kreuz scharten. Ob wir es da auch eine halbe Stunde ausgehalten hätten? Gegen 11:20 Uhr treten wir den Rückzug an. Dieser verläuft über einen anderen Weg, als der des Aufstiegs. Gelöst und mit jedem Schritt nach unten reicher an Kräften springen wir wieder wie Skifahrer den leichten Kieselabhang hinunter. Ein Abstand von 50 m zum Vorgänger ist notwendig, um bei dem aufgewirbelten Staub überhaupt etwas sehen, geschweige denn einatmen zu können. Die Oberschenkel brummen bald und der Magen macht sich bemerkbar. Wir machen eine kleine Pause für einen Power-Riegel und schon geht es weiter. Nach 1,40 Stunden, um 12:30 Uhr sind wir endlich wieder am Ausgangspunkt - vollkommen geschafft und total eingestaubt. David, der schon wieder von Blasen an den Füßen geplagt wird und ich schlappen erschöpft ins Camp. Mac und Kai sind bereits dort und warten mit einem Getränk auf uns. Unser Kellner hat uns einen erfrischenden Willkommenssaft gemixt. Hoch die Tassen - auf unseren Gipfelerfolg! Paul wäre stolz auf uns. Und wir können beruhigt sagen - es war ein "Must"! Vor lauter Staub erkennen wir uns fast selber nicht und die Erschöpfung über den morgendlichen 8-Stunden-und-10-Minuten Bergtrip steht uns allen ins Gesicht geschrieben. Dennoch schauen wir froh und erleichtert zurück auf den Gipfel. Dort waren wir also leibhaftig gewesen. Zufrieden liegen wir auf den Steinen in der schmeichelnden Sonne. Felix gibt uns eine weitere Stunde zum Ausruhen, Packen und Mittag essen bevor der Abstieg zum Millenium-Camp fortgesetzt werden soll. David und ich legen uns 30 min ins Zelt schlafen. Nach dem kräftigen Mittagsessen steigen wir flotten Ganges weiter ab ins Tal. Zeitlich gesehen würden wir es sogar auch noch bis ins Mweka Camp schaffen, allerdings sind wir vier uns einig, lieber im Millenium Camp zu rasten. Nach 2 Stunden sind wir auch schon dort, nur kurz nach unseren Portern. Während die Porter die Zelte aufbauen, entschließen wir uns, uns ein Gipfelbier zu gönnen. Der Camp-Wart verkauft uns die Flasche Kilimandscharo Bier für je US$ 3,-. Mac verhandelt einen Sonderpreis für zwei Flaschen, die wir genüsslich wegzischen. Mann schmeckt das gut! Wir sind ganz alleine in dem Camp, da alle anderen Gruppen im Mweka Camp übernachten. Es hätte aber keinen schöneren Ort für unser letztes Nachtquartier am Berg geben können.
Wir haben von hier einen fantastischen Blick auf den Kibo mit seinem Gletscher, während die Zelte bereits im Grünen unter dünnen Bäumen stehen. Jeder ist für einen Moment in Gedanken versunken und lässt den Tag für sich Revue passieren. Fast kommt es einem bereits wieder unwirklich vor, dort oben gewesen zu sein. Aber wir waren es, alle vier. Zur Feier des Tages kocht uns der Koch auch wieder eine Soße zum Essen. In den letzten zwei Tagen hatte er darauf verzichtet, um bei unseren geschwächten Magen nicht den Gipfelanstieg zu riskieren. Todmüde aber überglücklich gehen wir um 21:00 Uhr schlafen. Es dauert nicht lange und wir hören im Nachbarzelt Mac auch schon zufrieden schnarchen.

 

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