Tag 5: Mc Kinders Camp - Shipton Camp

22.08.2003 Mc Kinders Camp - Shipton Camp

Um 06:30 Uhr stehe ich auf. Mac treffe ich einsam auf der Bank sitzend, in der einen Hand die Teetasse in der anderen Hand den Filter. Er pumpt wohl schon seit einer Stunde Wasser, weil er so einen Durst hat und nicht alternativ unser Blut aussaugen wollte, wie er sagte. Kai ist ebenfalls wach. Heute morgen heißt es schnell große Mengen Tee bereiten, packen, frühstücken und gegen 09:00 Uhr los. Kurz vor Aufbruch kommen H. und L. den Berg herunter und mit flottem Schritt auf die Hütte zu. Wortkarg stellt sich die Begegnung in der Hütte dar. Kai und ich bereiten gerade noch Tee und bieten den Beiden einen an. L. nimmt ihn dankend an, während Super H. es vorzieht, draussen abwaschen zu gehen. Das Wetter sieht heute vielversprechend aus, die Sonne scheint. Beim Raustreten aus der Hütte ruft uns H. nun doch noch ein "Danke für den Tee" hinter her und weg sind wir. Das sollte jetzt wirklich die letzte Begenung gewesen sein - glauben wir. Wieder visieren wir den Weg vom Vortag an, biegen aber dann stärker links ab und steigen sofort steil bergan. David fühlt sich heute nicht sehr gut, ihm ist übel, leicht schwindlig und er schreitet langsam vorwärts. Kai ist fit, Mac hat immer noch leichte Kopfschmerzen und ich könnte Bäume ausreißen. Ich bleibe bei David und gemeinsam wandern wir hinauf. Den Sattel erreicht, überqueren wir ein wunderschönes Hochplateau bis wir nach wenigen Minuten einen See erreichen, den wir gestern von der anderen Seite bereits gesehen hatten. Es handelt sich um den Two Tarn Lake. Über ihm erhebt sich majestätisch der Pt. John. Vom Nebel eingehüllt und Sekunden später wieder freigegeben stellt sich uns ein imposantes Schaupiel dar. Ein paar Fotos und weiter geht es. Nun gelangen wir in eine Zone, die wir bisher in der Form nicht erlebt hatten. Große felsige Passagen, kleine Seen, Krater, steile Abhänge, außer Moosen keine weiteren Pflanzen und über allem viel Nebel. Es ist hier äußerst schwierig, bei den Sichtverhältnissen und Unwegsamkeiten des Weges voranzukommen. Oft müssen wir unsere Stöcke zur Seite legen und die Hände zum Stabilisieren zur Hilfe nehmen. Nur nicht das Gleichgewicht verlieren! Es geht bergab doch leider bleiben uns die mächtigen Spitzen des Pt.Batian und Pt.Pigott, die zu unser Rechten liegen müssten, vom Nebel verschlossen. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass wir nicht sehen, wie steil es hier links herunter geht. Nach einer weiteren flachen Strecke müssen wir wieder rauf und das nicht zu knapp. Auffällig seit den letzten zwei Tagen ist, dass die Gespräche während des Wanderns eher nachgelassen haben und jeder mit sich und seinen Kräften zu tun hat. Mac holt seine Witzchen lediglich während der Pausen heraus, dann aber mit Zunder. Paul hält uns bei der nächsten Rast auf einem der vielen heute erklommenen Bergsattel eine kleine Moralpredigt bzw. äußert offen seine Bedenken zu unserem Kili-Vorhaben. Wir seien seiner Meinung nach, nach dem nunmehr vierten Tag, noch zu langsam und könnten Schwierigkeiten mit den langen Streckenabschnitten der Machame Route am Kilimandscharo bekommen. Seine Frage konkret: "Is the Kilimanjaro a must?" Na gut, das entscheiden wir später, schließlich sind wir hier zum akklimatisieren und nicht, um bereits Höchstleistungen zu erbringen. Wenn es zum Kilimandscharo geht gilt "Neues Spiel, neues Glück" und wir werden das schaffen!
Runter geht es wieder einmal in bester Ski-Alpin-Manier, jedoch erwartet uns der leichte, lose Kiesel leider auch wieder gegenüber beim erneuten, weniger spaßigem Aufstieg. Wie ineffizient. Zwei Schritte hoch, 1/2 Schritt wieder zurück. Kurve für Kurve schlängeln wir uns hinauf und hoffen auf ein baldiges Ende der Tour. Letzter Stop on top, Blick zurück, letztes Foto, einen Schluck Tee und runter geht´s. Wir können die grünen Dächer des Shiptons Camps bereits sehen und es zieht uns magisch an. In rasantem Tempo den Kiesel ein letztes Mal für heute runter! David schmerzen die Füße von seinen Blasen und mir tut das Knie weh. Die Oberschenkel machen bei allen nach den heutigen Abfahrtsrennen allmählich schlapp. Die Hütte liegt wunderschön im Kessel des Tals, eingerahmt von den imposanten Gipfeln des Mt.Kenya. Rundherum sind diese mannshohen Lupidien, die durch die Sonne fantastisch hellgrün satt strahlen. Ein Zielfoto muss sein und ab geht es in die Hütte. Man stelle sich vor, was uns drinnen erwartet: eine richtige Kloschüssel in einem kleinen Bad! Nach einigen Tagen mit Freiluft-Steh-Plumsklos, die aus ein paar Brettern mit ausgeschnittenem Loch im Boden zusammengezimmert sind, fühlen wir uns nun wie im First Class Appartement. Glück im Unglück, dass Kai seinen Durchfall hier bekommt.
Uli - ein sehr gesprächiger Schwabe, der mit dem Rad bereits einen Monat durch Kenia und Uganda tourt und jetzt wie wir den Pt. Lenana anpeilt, gesellt sich in der Zwischenzeit zu uns. Gemeinsam essen wir unser wohlverdientes Spargel-Cremé-Süppchen. Mac und David fliehen vor dem Geschwätz nach draußen, wo es bei Sonnenschein wärmer ist als in der Hütte. Wir setzen uns noch einmal Wasser auf und es gibt eine zweite Runde Suppe. Dann ist Doppelkopf-Zeit und David und ich sind den Cracks erbarmungslos ausgeliefert. Bevor es dunkel wird, bereiten wir noch schnell unsere Sachen für den morgigen Gipfelsturm vor und essen eine Portion Chop Suey. Es ist bitterkalt und jeder reißt sich förmlich danach, Wasser zu filtern, um in Bewegung zu sein und wärmer zu werden. Morgen haben wir den ersten großen Tag auf unserem Weg nach oben. Um 02:30 Uhr wollen wir aufbrechen, um pünktlich zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein.

 

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