Tag 6: Shiptons Camp - Pt. Lenana - Old Moses Camp

23.08.2003 Shiptons Camp - Pt. Lenana

Um 02:00 Uhr klingelt der Wecker und ruck zuck sind alle aus den Betten. David muss erst noch von Mac verarztet werden, da seine Blasen ein unschönes und schmerzendes Außmaß angenommen haben. Ich schlüpfe flott in meine Sachen und mache mich auf, noch einen Tee für alle vorzubereiten. Das Wasser, das ich zum Filtern aus dem Wasserhahn entnehme, zeigt sofort Eiskristalle auf seiner Oberfläche. Es ist also wirklich kalt - hier ist der Beweis. Kai weckt unseren Guide und nach einer heißen Tasse Tee packen wir uns warm ein und ziehen um 02:45 Uhr aus der Hütte in die Dunkelheit der Nacht. Draußen erstarren wir zunächst nicht vor Kälte, was wir eigentlich erwarteten - sondern vielmehr vor Begeisterung über den sagenhaften Sternenhimmel. Tausend und aber Millionen Sterne türmen sich am Himmelszelt und jeder will von uns gesehen werden. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und lässt den Blick fast hypnotisiert schweifen. Schon allein für diesen Anblick hat es sich gelohnt hier herauf zu kommen und so früh den Weg zum Gipfel anzutreten. Die Milchstraße ist fast zum Greifen nah und ich finde es bereits schade, dass ich der Astronomie über die Grundkenntnisse hinaus nicht so mächtig bin, um all diese geheimnisvollen Sternzeichen zu deuten, die sich dort oben abzeichnen. Mac entdeckt den Orion. Den Blick wieder auf das Wesentliche gerichtet, folgen wir sturen Blickes und Schrittes hintereinander gereiht dem Lichtstrahl unserer Stirnlampe, Meter für Meter führt Paul uns den Berg hinauf. Willenlos wie die Lemminge setzen wir einen Schritt nach dem anderen in den gefrorenen Sand, ohne zu wissen, geschweige denn zu sehen, wie es um uns herum aussieht. Wir merken nur, dass es sehr steil hinauf geht. Es läuft alles ausgezeichnet und das Tempo hält uns warm. Bei einer ersten Pause genießen wir einen heißen Schluck Tee und starren fasziniert, auf einem Felsen liegend, in den Himmel. Der Mond ist ebenfalls aufgetaucht und liegt mit seiner halben Fülle auf dem Bauch. Weiter geht´s und auf weitere erklommene Höhenmeter folgen Pausen. Wir sind zu schnell laut Paul und würden den Gipfel viel zu früh erreichen, wenn wir in dem Tempo weitergingen. Daher übernimmt Paul jetzt noch strikter das Timing, drosselt das Tempo und legt noch mehr Pausen ein. Das merken auch recht bald meine Zehen, die im Nu eiskalt werden und höllisch anfangen zu schmerzen. Meine Finger sind ebenfalls kalt, obwohl ich mir doch extra doppelschichtige Handschuhe mit Windstopper innen und GoreTex außen gekauft hatte, um dieses Problem zu umgehen. Wenigstens kann ich die Finger noch zur Faust ballen und sie so gegenseitig wärmen. Beim nächsten Mal schwöre ich mir, gehe ich nicht mehr ohne Fausthandschuhe! Mir treibt es vor Schmerz und Anspannung die Tränen in die Augen. Es soll eigentlich keiner merken, schließlich sind wir so nah vom Ziel entfernt. Aber Mac und David merken gleich, dass mich etwas quält und wir halten sofort an. Sie ziehen mir die Schuhe aus und rubbeln heftig meine Zehn, um sie wieder "zum Leben" zu erwecken. Es hilft, so dass ich wieder in menine Schuhe komme und wir weiter voranschreiten. Der letzte Streckenabschnitt ist sogar recht anspruchsvoll und mit kleinen Kletterpassagen durchsetzt. Der Himmel wird bereits hell und der Sonnenaufgang kündigt sich an. Um uns herum zeichnen sich die Spitzen des Mt.Kenya immer deutlicher und mächtiger ab. Wir nehmen die letzten Steinstufen zum Point Lenana und stehen schlußendlich alle vier zusammen mit Paul on the top auf 4985m! Was für ein erhebendes Gefühl, nach diesen anstrengenden Tagen endlich oben zu sein, am ersten Ziel angelangt zu sein. Und vor allem ohne irgendwelche ernsthaften gesundheitlichen Probleme. Paul nimmt uns alle herzlich in die Arme und beglückwünscht uns zu unserem Erfolg. Die Endorphine schießen uns in den Kopf und jeder ist vollkommen begeistert und glücklich. Ich könnte vor Freude weinen, so bewegend ist der Moment. Eigentlich war der Mt.Kenya ja nur unser "Mittel zum Zweck", um den Killi zu erreichen. Die letzten Tage haben den Berg aber in ein vollkommen neues Licht gerückt, uns so beschäftigt und mit seiner Vielfalt und Einsamkeit begeistert, dass wir lieber von der Erreichung unseres ersten großen Ziels sprechen. Was jetzt folgen wird, ist einfach ein neues Ziel mit einer eigenen Geschichte.
Pünktlich um 06:30 Uhr geht die Sonne auf und wir schießen ein Foto nach dem anderen. Wo man nur hinsieht, ist es in einer ganz besonderen Art wunderschön um uns herum. Die Wolken liegen als dichte Decken unter uns in den Tälern. Die Sonne strahlt die mächtigen Felsen an und lässt sie rot erscheinen und die Hütten der letzten Tage, sind in den noch schattigen Tälern zu sehen. Tee, Power-Riegel (zunächst noch gefroren) und Nüsschen sind unser Gipfelsnack und erstes Frühstück. Meine Lippen bleiben leicht an dem gefrorenen Müsliriegel kleben und ich reisse mir etwas Haut ab. Ich merke es jedoch erst beim Anblick eines "roten Lippenstift-Rands" an meinem Riegel. So etwas erlebt man bei -5°C am Gipfel. Was auch sei - man muss immer noch bedenken, dass wir hier erst auf knapp 5.000m sind - wie soll das am Killi werden?
Den anderen wird trotz der wärmenden Sonne etwas kalt, so dass wir gegen 07:00 Uhr nach ausgiebiger Fotosession (jeder durfte mal die sagenhafte Kenya Flagge aus Pappe hochhalten) den Abstieg beginnen. Der gefrorene Sand der Nacht ist bereits augetaut und hat sich wieder in unseren altbekannten losen Kiesel verwandelt, der wie Tiefschnee erscheint. Wir schwingen uns wie Skifahrer den Sand hinunter und bleiben des öfteren für den traumhaften Ausblick stehen. Nach nur 1 1/2 Std sind wir wieder am Shiptons Camp angelangt. Es ist wundervolles Wetter, warm und sonnig und wir freuen uns auf ein belohnendes Frühstück. Es ist eine fantastische Stimmung. Alle sind noch so aufgewühlt und stolz und schwärmen von dem Erlebnis. Ich gönne mir zur Feier des Tages eine ausgiebige Morgenwäsche im eiskalten Wasser und frische Unterwäsche. Danach wird gepackt und gefrühstückt. Es gibt Rüheei und Tomatensuppe - unsere Reste. Wir essen vor der Hütte in der Sonne, da es hier viel wärmer ist als drinnen. Wie schön wäre es, hier den restlichen Tag gemütlich zu verbringen und nach getaner Arbeit einfach faul in der Sonne zu dösen. Aber nein, um 11:00 Uhr drängelt Paul bereits wieder zum Aufbruch. Wir müssen heute noch bis zum Old Moses Camp, wo wir die letzte Nacht verbringen werden. Der Weg beginnt angenehm mit einer Wanderung im Tal entlang. Doch schon bald geht es rauf und runter, über Büsche, durch Matsch, über Geröll, Gestein und endlos scheinende Wiesen. Der Weg zum Old Moses Camp zieht sich ins Unermessliche und die angeblichen 13km erscheinen wie eine Ewigkeit. David quält sich mit seinen Blasen tapfer die Strecke entlang. Meine Oberschenkel brummen von den kraftvollen Abstiegen der letzten Tage. Mac und Kai folgen Paul gehörig und stetig und warten von Zeit zu Zeit auf uns zwei.

Gott sei Dank, hält das Wetter und die Stunden sind wenigstens von der Warte aus erträglich. Kai und Mac erreichen die Hütte einige Minuten vor uns. Erschöpft fallen wir nach unserem insgesamt 11 stündigen Marsch auf die Betten. Als besondere Gabe für den Abend des Gipfeltages haben wir uns die Trekker-Mahlzeiten vom Globetrotter aufgespart. Naja, es macht zwar satt, aber über Geschmack müsste man in diesem Falle streiten. Es macht zwar den Anschein, dass es das Gericht sei, das so köstlich auf der Verpackung beschrieben wird, der Geschmack ist allerdings sehr künstlich und austauschbar. Die Maggi-Gerichte der letzten Tage waren um Längen geschmackvoller. Lediglich der Milchreis von Mac ist ok. Den Sonnenuntergang betrachtend bei einer Runde Kniffel und einer Tasse Tee schließen wir den Tag und freuen uns wie die Kinder auf das Springlands Hotel in Moshi morgen abend. Dusche, sauberes Bett, gutes Essen und richtige Getränke mit Geschmack (...und Wirkung)! Alles was eben das einsame Outdoor-Herz nach einer Woche Abstinenz begehrt. Gute Nacht.

 

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